Von OKR zu Evident Flow: Wie wir entscheiden, was wirklich wichtig ist
Luisa Lazarovici
In unserer Arbeit mit Unternehmen begegnet uns selten ein Mangel an Zielen. Gute Ideen, ambitionierte Pläne und der Wunsch, etwas zu bewegen, sind meistens vorhanden. Schwierig wird es, wenn diese Vorhaben um dieselbe Zeit, dieselbe Aufmerksamkeit und dieselben Menschen konkurrieren.
Was verfolgen wir zuerst? Worauf verzichten wir dafür? Und woran erkennen wir später, ob unsere Entscheidung sinnvoll war?
Marco war bei Jule Jankowski im GOOD-WORK-Podcast zu Gast. In der Folge „Kann man Ziele ausrechnen?“ ging es um Strategie, Priorisierung und gute Zusammenarbeit – und darum, wie aus unseren Erfahrungen mit OKR der Evident Flow entstanden ist.
Die zentralen Gedanken aus dem Gespräch greifen wir hier noch einmal auf. Denn ein ehrgeiziges Ziel ist schnell gesetzt. Die schwierigere Frage lautet: Warum sollte gerade dieses Vorhaben unsere Zeit und Aufmerksamkeit bekommen?
KEY TAKEAWAYS
Gute Ziele brauchen eine Strategie, die Entscheidungen erleichtert. Mit OKR stoßen wir an Grenzen, wenn unklar bleibt, welche Veränderungen tatsächlich wertvoll sind.
Priorisierung verlangt, auch gute Ideen liegen zu lassen. Im Evident Flow vergleichen wir die erwarteten Wirkungen und den Aufwand von Vorhaben, um unsere begrenzten Ressourcen bewusst einzusetzen.
Zielarbeit braucht Rückkopplung. Wir überprüfen unsere Entscheidungen anhand ihrer tatsächlichen Ergebnisse und betrachten zugleich, was Menschen brauchen, um Verantwortung zu übernehmen.
Warum Ziele eine klare Strategie brauchen
Mit Objectives and Key Results wollen wir Unternehmen helfen, sich zu fokussieren und gemeinsam wirksam zu werden. Über die Jahre wurde dabei immer deutlicher, wie eng gute Zielarbeit mit strategischer Orientierung verbunden ist.
Auch sorgfältig formulierte Ziele helfen wenig, solange unklar bleibt, welche Veränderung sinnvoll wäre. Marktführer werden, den Umsatz steigern oder mehr Gewinn erzielen: Das können nachvollziehbare Wünsche sein. Für die nächsten Entscheidungen geben sie uns allerdings wenig Orientierung. Welches Kundenproblem sollten wir zuerst lösen? Welche Fähigkeit müssen wir entwickeln? Welches Vorhaben kann warten?
Für uns zeigt sich die Qualität einer Strategie daran, ob sie solche Entscheidungen erleichtert. Fehlt diese Grundlage, wird beim „Herunterbrechen“ der Strategie häufig eine ungelöste Frage an die Teams weitergereicht. Sie erhalten ambitionierte Zahlen und sollen anschließend selbst herausfinden, wie daraus ein realistisches Vorhaben werden könnte.
Genau hier sind wir in der OKR-Arbeit immer wieder an Grenzen gestoßen. Besser formulierte Ziele konnten eine fehlende Strategie nicht ausgleichen. Also musste unser Rahmen früher ansetzen.
Priorisierung heißt, auf gute Ideen zu verzichten
Offensichtlich ungeeignete Ideen auszusortieren fällt meistens leicht. Anspruchsvoll wird es, wenn mehrere gute Vorhaben übrig bleiben und die Ressourcen nicht für alle reichen.
Eis oder Schokolade? Am liebsten beides. Im Unternehmen klingt das dann ungefähr so: Das neue Produkt brauchen wir unbedingt, die internen Abläufe müssen dringend besser werden, und die Vertriebsinitiative bekommen wir bestimmt auch noch unter.
Jede Idee für sich ist nachvollziehbar. Zusammen passen sie oft nicht in die verfügbare Zeit. Priorisierung beginnt dort, wo wir diesen Widerspruch ernst nehmen.
Ein Vorhaben zu verfolgen bedeutet, ein anderes zunächst liegen zu lassen. Darin liegt die „Kunst, die richtigen Dinge nicht zu tun“, wie auch unser OKR-Guide heißt.
Dafür brauchen wir einen gemeinsamen Maßstab. Sonst diskutieren wir immer wieder darüber, was wichtig ist, ohne geklärt zu haben, woran wir Wichtigkeit erkennen.
Die Value Map: Für wen schaffen wir Wert?
Bevor Ziele ausgewählt werden, lohnt sich deshalb ein Blick auf die Menschen und Gruppen, für die unsere Arbeit einen Unterschied machen soll.
Was brauchen Kunden, Mitarbeitende, Lieferanten und weitere Beteiligte? Wie gut erfüllen wir ihre Erwartungen heute? Wo könnten wir etwas verbessern? Auch Wettbewerber und gesellschaftliche Rahmenbedingungen beeinflussen unsere Möglichkeiten.
Hierzu empfehlen wir auch immer die Murakamy Podcast-Folge mit Harvard Prof. Dr. Felix Oberholzer-Gee.
Im Evident Flow beschreiben wir diese Zusammenhänge in einer Value Map. Diese gemeinsame Landkarte macht Bedürfnisse, Verbesserungspotenziale und mögliche Zielkonflikte sichtbar.
Ein Staubsaugerroboter muss seine Umgebung erst erkunden. Er stößt gegen ein Tischbein, entdeckt einen Durchgang und findet beim nächsten Versuch einen besseren Weg.
Ähnlich erarbeiten wir uns ein Verständnis unseres Unternehmens und seines Umfelds. Kunden reagieren anders als erwartet, ein Angebot löst das vermutete Problem nicht, eine Veränderung hilft mehr als gedacht. Unsere Landkarte bleibt deshalb in Bewegung: Mit jeder Beobachtung prüfen wir, ob unsere Annahmen noch tragen.
Wertschöpfung und Wertschätzung zusammendenken
Hinter dieser Landkarte steht unser Verständnis eines Unternehmens: eine Gruppe von Menschen, die sich zur Kooperation verabredet hat. Durch ihre Zusammenarbeit soll etwas entstehen, das andere wertschätzen.
Ob das gelingt, entscheidet sich auch beim Gegenüber. Eine Tätigkeit schneller auszuführen kann hilfreich sein. Zunächst sollten wir jedoch verstehen, welchen Nutzen sie überhaupt stiftet.
Nehmen wir eine Autowäsche mitten in der Nacht. Für manche Kunden wäre das praktisch. Für Mitarbeitende könnte es eine zusätzliche Belastung sein, für die Nachbarschaft vor allem laut.
Ob wir damit etwas verbessern, hängt also davon ab, wessen Perspektive wir betrachten. Erst wenn diese unterschiedlichen Interessen sichtbar sind, können wir nach einer Lösung suchen, die ihnen gerecht wird.
Wertschöpfung und Wertschätzung zusammenzudenken heißt für uns, solche Auswirkungen zu berücksichtigen: Welche Verbesserung schaffen wir, für wen und zu welchem Preis?
Entscheidungsfindung: Ziele bewerten und daraus lernen
Auf dieser Grundlage lassen sich mögliche Ziele vergleichen. Welche Wirkung erwarten wir? Wie viel Aufwand braucht die Umsetzung? Welche Nachteile könnten entstehen? Und hängt der Erfolg davon ab, dass ein anderes Team zuerst eine Voraussetzung schafft?
Im Evident Flow Index setzen wir die erwarteten positiven und negativen Wirkungen eines Vorhabens ins Verhältnis zum nötigen Aufwand. Daraus entsteht eine Zahl, mit der wir verschiedene Vorhaben vergleichen können: Wo erwarten wir mit unseren begrenzten Ressourcen den größten Beitrag zu dem, was uns wichtig ist?
Die Zukunft kennen wir dadurch noch nicht. Der Index beruht auf unseren Einschätzungen – und macht sie besprechbar. Wenn wir zu unterschiedlichen Bewertungen kommen, können wir genauer hinschauen: Erwarten wir eine andere Wirkung? Schätzen wir den Aufwand unterschiedlich ein? Oder gewichten wir die Interessen der Beteiligten anders?
Nach der Umsetzung folgt der Abgleich mit der Realität. Was hat das Vorhaben tatsächlich gebracht? Wie aufwendig war es? Welche unerwarteten Aufgaben kamen hinzu?
Deshalb gehören Entscheiden, Handeln und Reflektieren für uns in einen zusammenhängenden Kreislauf. Schriftliche Reflexion hält Beobachtungen fest, solange sie noch präsent sind. Aus den Ergebnissen gewinnen wir Orientierung für die nächste Entscheidung. So wird Zielmanagement zugleich zu einem Lernprozess.
Führung und Zusammenarbeit: Der Verantwortungsdialog
Auch ein sinnvoll ausgewähltes Ziel setzt sich nicht von selbst um. Damit Menschen Verantwortung übernehmen können, müssen Erwartungen, Fähigkeiten und Befugnisse zusammenpassen.
Im Verantwortungsdialog betrachten wir deshalb vier Fragen: Willst du das? Kannst du das? Sollst du das? Darfst du das?
Wenn die Zusammenarbeit stockt, finden sich hier häufig entscheidende Hinweise. Vielleicht fehlt eine Fähigkeit. Vielleicht ist die Erwartung unklar oder eine notwendige Entscheidung liegt außerhalb der eigenen Befugnisse.
Detailliertere Vorgaben für die nächsten Arbeitsschritte lösen diese Schwierigkeiten nicht automatisch. In unserer Führungsarbeit richten wir den Blick deshalb auch auf die Bedingungen, unter denen Verantwortung übernommen werden kann.
Die sachliche und die menschliche Perspektive gehören für uns zusammen. Schließlich setzen Menschen mit unterschiedlichen Interessen und Möglichkeiten die gewählten Vorhaben um.
Evident Flow: Ein offener Rahmen für Unternehmensführung
Im Evident Flow verbinden wir diese Fragen: Was sollten wir als Nächstes tun? Wie gelingt es uns, gemeinsam daran zu arbeiten? Und welche Rolle kann künstliche Intelligenz dabei übernehmen?
Das Denkmodell ist als Open-Source-Framework zugänglich. Seine Grundlagen lassen sich nachvollziehen, hinterfragen und weiterentwickeln. Eine Landkarte, mögliche Ziele und deren Wirkungen können wir zunächst mit Papier und Stift erarbeiten. Bei vielen Optionen und Abhängigkeiten erleichtert Software die Übersicht.
Beim täglichen Planen und Reflektieren nutzen wir bereits die Unterstützung eines KI-Agenten. Dabei geht es um sehr alltägliche Fragen: Was steht heute an? Was ist noch offen? Und nehmen wir uns gerade wieder mehr vor, als in den Tag passt?
Darüber hinaus beschäftigt uns, wie KI künftig zusätzliche Handlungsoptionen erschließen könnte. Dafür braucht sie Kontext über Interessen, Rollen und bisherige Erfahrungen. Auch hier kommen wir also zu denselben Grundlagen zurück: Was ist wertvoll, wie entscheiden wir und was lernen wir daraus?
Aus der Arbeit an besseren Zielen ist für uns die Arbeit an ihren Voraussetzungen geworden. Wenn beim nächsten Strategieprozess wieder alles wichtig erscheint, lohnt sich deshalb die Frage: Woran machen wir eigentlich fest, welches Vorhaben zuerst kommt?
Das vollständige Gespräch zwischen Marco und Jule Jankowski hört ihr im GOOD-WORK-Podcast: „Kann man Ziele ausrechnen?“ – Folge 350.
Wo gehts weiter…
Unter evidentflow.com
Die komplette Dokumentation des Frameworks gibt es unter evidentflow.org
Um noch mehr über das neue Framework und dessen Entwicklung zu erfahren, ist der Newsletter unten die beste Adresse. Dort teilen wir, was wir unterwegs lernen und laden zum Austausch über den Evident Flow ein.
Für einen persönlichen Austausch darüber, wie das Evident Flow Framework in der eigenen Organisation schon heute genutzt werden kann schreib uns eine Nachricht an evidentflow@murakamy.com